Greifswald ist Energie-Kommune des Jahres. Vier Tage nach der Auszeichnung verschob die Bürgerschaft das Klimaziel um zehn Jahre.

Satirischer Behördenaushang des Ministeriums für Haltung mit der Schlagzeile „Das Ziel wurde nicht verschoben. Es wurde verlängert.“ und einem roten Stempel „Ziel angepasst“.

Wolfgang T., 66, Schlosser im Ruhestand aus Greifswald, hat sich 2023 eine Wärmepumpe in den Keller stellen lassen. Seine Stadt wollte 2035 klimaneutral sein, und er wollte nicht der Letzte sein. Inzwischen hätte er zehn Jahre mehr gehabt.

Die Wärmepumpe weiß davon nichts.

Am 26. Februar wurde Greifswald von der Agentur für Erneuerbare Energien zur „Energie-Kommune des Jahres 2025“ gekürt, in einer öffentlichen Abstimmung gegen Schwalmtal und den Landkreis Regensburg. AEE-Geschäftsführer Robert Brandt begründete das so: „Greifswald treibt die Wärmewende mit beeindruckender Konsequenz voran.“

Vier Tage später, am 2. März, beschloss die Bürgerschaft mit 22 gegen 18 Stimmen, die Klimaneutralität von 2035 auf 2045 zu verschieben. Der Antrag der CDU trug den Titel „Greifswalder Klimaschutzziele realistisch anpassen“. Ein Antrag der AfD, das Ziel ganz zu streichen, fiel durch. Ein Antrag von SPD, Linken und Grünen, es nach Sektoren zu fassen, ebenfalls.

An den Anlagen hat sich in diesen vier Tagen nichts geändert. Fernwärme, Solarthermie und Wärmeplanung liefen weiter. Verschoben wurde die Zahl.

Dafür gibt es Gründe, und sie sind ernst zu nehmen. Die deutschen Kommunen hatten 2025 ein Defizit von 31,9 Milliarden Euro, das höchste seit der Wiedervereinigung. Eine Stadt allein bekommt weder Verkehr noch Industrie noch jedes Heizungshaus klimaneutral, und ein Zieljahr, das man nicht bezahlen kann, hilft niemandem. Wer das einräumt, ist ehrlicher als wer es nicht tut.

Bezahlt war die alte Zahl allerdings auch nicht.

Der Vorgang ist kein Greifswalder Einzelfall. Schwerin rief 2020 den Klimanotstand aus und setzte sich 2035 zum Ziel; im November 2025 verschob die Stadtvertretung auf 2045. Magdeburg hob seinen 2035-Beschluss Ende April 2026 auf und nennt jetzt ebenfalls 2045 — künftige Klimaschutzmaßnahmen sollen dort nur noch umgesetzt werden, wenn sie den städtischen Haushalt nicht zusätzlich belasten.

„Das Ziel wurde nicht verschoben“, sagt die Abteilungsleitung IX. „Es wurde verlängert. Das ist mehr Klimaschutz, nicht weniger.“

Ein Zieljahr kostet in der Vorlage nichts

Das Ministerium führt den Stand der kommunalen Klimaneutralität deshalb in Stufen:

  • klimaneutral — beschlossen für 2035
  • klimaneutral nach realistischer Anpassung — beschlossen für 2045
  • klimaneutral, soweit der Haushalt nicht zusätzlich belastet wird — beschlossen in Magdeburg
  • ausgezeichnet

In Schwerin sagte der Grünen-Stadtvertreter Arndt Müller vor der Abstimmung: „Verschieben heißt doch nur, am Ende wird es teurer.“ Die Verschiebung ging durch.

Eine Jahreszahl ist der einzige Teil der Wärmewende, den ein Stadtrat an einem Abend herstellen kann. Rohre brauchen länger. Deshalb wird über Jahreszahlen abgestimmt und über Rohre berichtet.

Wolfgang T. hat sein eigenes Zieljahr inzwischen ebenfalls auf 2045 verschoben. Zurückgegeben hat er nichts. Der Keller läuft seit drei Jahren, und er fragt nicht nach, was die Bürgerschaft gerade beschließt.

Wolfgang T. ist eine erfundene Figur, ebenso die Abteilungsleitung IX. Beschlüsse, Abstimmungsergebnisse, Zitate und Zahlen sind belegt und in den Quellen nachzulesen.

Quellen

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