Der gefährlichste Mann Deutschlands steht auf dem Titel. Gefährlicher als wer, steht nicht dabei.

Satirischer Behördenaushang des Ministeriums für Haltung mit der Schlagzeile „Der gefährlichste Mann steht fest“ und einem roten Stempel „Rang 1 von 1“.

Ingrid P., 59, Zeitschriftenhändlerin in Stendal, hatte am Freitag vier Exemplare übrig. Am Samstagmittag war die Ausgabe weg. Nachgefragt wurde nach dem Heft mit dem gefährlichsten Mann Deutschlands.

Auf dem Titel des „Spiegel“ steht Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, wo am 6. September gewählt wird und die AfD in Umfragen zwischen 41 und 43 Prozent liegt. Darüber die Zeile: „Der gefährlichste Mann Deutschlands“.

Ein Titel muss verkaufen, und drei Wochen vor einer solchen Wahl ist die Frage, wer da vorne liegt, keine erfundene. Ein Magazin, das die Lage ernst nimmt, muss sie benennen dürfen. So weit die Aufgabe.

„Gefährlichster“ ist ein Superlativ. Ein Superlativ ordnet. Wer ihn vergibt, behauptet nicht, jemand sei gefährlich, sondern gefährlicher als alle anderen — und muss die anderen kennen.

Der Publizist Ulf Poschardt hat vermerkt, in der Titelgeschichte stehe nichts, was Siegmund als gefährlicher auswiese als andere Politiker der AfD oder der Linkspartei; er nannte das Cover einen „journalistischen Offenbarungseid“. Chefredakteur Dirk Kurbjuweit verteidigte die Wahl: „Relevanz ist unser oberstes Kriterium, nicht die Frage, wem eine Titelgeschichte nützt oder schadet.“

Das Ministerium für Haltung führt für solche Fälle eine eigene Liste:

  • gefährlich (Einzelfall, belegt)
  • sehr gefährlich (Einzelfall, betont)
  • am gefährlichsten (Einzelfall, konkurrenzlos)

„Ein Superlativ braucht kein Feld“, sagt die Abteilung für Gefährlichkeitseinstufung. „Er braucht einen Titel und einen Termin.“

Eine ordentliche Einstufung bräuchte mehr. Sie bräuchte alle, die in Frage kommen, dieselben Kriterien, auf jeden angewandt, und am Ende eine Tabelle, aus der hervorgeht, warum Platz eins vor Platz zwei liegt. Ein Titel braucht davon nichts. Er braucht ein Gesicht, ein Adjektiv und einen Erscheinungstag.

Was danach geschah, war absehbar. Cicero-Chefredakteur Alexander Marguier nannte das Cover „erstklassige Wahlkampfunterstützung für die AfD“. Gabor Steingart sah den „Spiegel“ „auf dem Weg, ein linkes Fox News zu werden“. Der Moderator Micky Beisenherz fand die Redaktion „mindestens schamlos“.

Das Blatt begründet die Wahl mit Relevanz: Ein AfD-Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt würde nicht nur das Land verändern, sondern die Republik. Das mag stimmen. Nur wird ein Kandidat dadurch, dass man ihn für die ganze Republik interessant erklärt, für die ganze Republik interessant. Das erste Ziel ist erreicht, bevor die Geschichte beginnt.

Die Warnung und die Werbung tragen dieselbe Schlagzeile. Wer davor warnt, stellt ihn nach vorn; wer ihn nach vorn stellt, verkauft ihn. Das Heft weiß davon nichts. Es liegt am Kiosk und ist ausverkauft.

Ingrid P. hat für Montag nachbestellt. Sie sagt, sie habe lange kein Heft mehr gehabt, das sich so von selbst verkauft. Ein Schild, das vor einem Produkt warnt und den Absatz steigert, kannte sie bisher nur von Zigaretten.

Ingrid P. ist eine erfundene Figur. Der Titel, die Umfragewerte und alle wörtlichen Zitate sind belegt und in den Quellen nachzulesen.

Quellen

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