Kai R., 38, Hausmeister aus Bruchsal, besitzt ein paar Porsche-Aktien und liest deshalb Halbjahresmitteilungen. Am Mittwoch lernte er ein neues Wort. Es heißt Rekalibrierungskosten.
Porsche hat am 29. Juli mitgeteilt, dass das operative Ergebnis im ersten Halbjahr auf 1,35 Milliarden Euro gestiegen ist, bei 16,5 Prozent weniger ausgelieferten Fahrzeugen. Parallel haben sich Vorstand und Betriebsrat auf ein Zukunftspaket geeinigt. Zusammen mit früheren Beschlüssen fallen damit rund 8.000 Stellen weg.
Finanzvorstand Jochen Breckner sagte dazu: „Die damit verbundenen Rekalibrierungskosten werden im zweiten Halbjahr 2026 voraussichtlich einen dreistelligen Millionenbetrag erreichen.“
Der Anlass ist echt. Wer deutlich weniger Autos verkauft und trotzdem für die alte Stückzahl gebaut ist, hat ein Werk, das sich irgendwann von selbst schließt. Wer das vermeiden will, muss schrumpfen, solange er es noch bezahlen kann. Das ist keine Ausrede, das ist Rechnen.
Offen bleibt, was genau rekalibriert wird.
Kalibrieren heißt: ein Messgerät auf den richtigen Wert einstellen. Eine Waage, die falsch anzeigt, wird nachgestellt. Sie bekommt keinen Brief, sie bekommt keine Abfindung, und sie fragt nicht, wie es mit der Tochter weitergeht, die im September mit der Ausbildung anfängt.
Merkblatt der Abteilung IV
Das Ministerium für Haltung hat den Vorgang in die Amtssprache übersetzt und anschließend zurück:
- Der Stellenabbau heißt Zukunftspaket.
- Der Weggang heißt natürliche Fluktuation.
- Das Älterwerden heißt demografischer Effekt.
- Die Trennung heißt freiwilliger Aufhebungsvertrag.
- Die Kosten heißen Rekalibrierung.
Die letzte Zeile ist die wichtigste. Sie steht im Bericht, nicht in der Bilanz der Betroffenen.
„Ein Vorgang, den man beim Namen nennt, muss verhandelt werden“, sagt der Referent für Wortwahl. „Ein Vorgang, den man umbenennt, wird gebucht.“
Kai R. hat die Mitteilung zweimal gelesen. Beim zweiten Mal fiel ihm auf, dass in dem Satz über die Rekalibrierungskosten kein Mensch vorkommt. Es kommen vor: ein Halbjahr, ein Betrag und eine Erwartung. Das ist keine Nachlässigkeit. In einem Finanzbericht haben Menschen nichts verloren, und wer das kritisiert, hat nicht verstanden, wofür ein Finanzbericht da ist.
Deshalb steht es ja auch im Finanzbericht.
Der Betrag selbst ist dabei ehrlich. Abfindungen kosten Geld, Altersteilzeit kostet Geld, und ein Unternehmen, das beides zahlt, tut mehr als eines, das einfach kündigt. Nur heißt an keiner Stelle irgendetwas so, wie es ist.
Der Vollständigkeit halber: Betriebsbedingte Kündigungen sind bis Ende 2035 ausgeschlossen, es gibt Altersteilzeit, es gibt zugesagte Milliardeninvestitionen in Zuffenhausen und Weissach, und verhandelt haben das Gesamtbetriebsrat und IG Metall. Das ist mehr, als anderswo herauskommt, und es sollte nicht kleingeredet werden.
Es ändert nur nichts daran, wie viele Leute am Ende weniger da sind. Und freiwillig ist ein Aufhebungsvertrag genau so lange, wie es eine Alternative gibt.
Kai R. hat am Donnerstag seinen Haushalt rekalibriert. Der Urlaub fällt weg. Er nennt es Zukunftspaket, weil das besser klingt als das, was es ist. Die Kosten trägt er im zweiten Halbjahr.
Kai R. ist eine erfundene Figur. Alle genannten Zahlen, Termine und Zitate sind belegt und in den Quellen nachzulesen.















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