Der Jahrgang wird hervorragend. Ein Teil davon wird Desinfektionsmittel.

Satirischer Behördenaushang des Ministeriums für Haltung mit der Schlagzeile „Hervorragender Jahrgang, 43 Cent je Liter“ und einem roten Stempel „Nicht für Lebensmittel“.

Marion H., 51, Winzerin aus Alzey, hat den ganzen Sommer gegossen. Gelesen wird bei ihr ab Ende August, und der Wein, sagt sie, wird gut.

Das ist in diesem Jahr die schwierigere Nachricht.

Der Deutsche Weinbauverband hat am 13. August in Oestrich-Winkel den Jahrgang vorgestellt. Verbandspräsident Klaus Schneider sagte dort: „Ich gehe davon aus, dass wir einen qualitativ hervorragenden Jahrgang bekommen.“ Wegen der Trockenheit dürfte die Menge kleiner ausfallen als üblich.

Drei Wochen zuvor hat die EU-Kommission etwas anderes freigegeben. Rot- und Roséwein aus Rheinhessen und Württemberg darf zu Industriealkohol gebrannt werden, Jahrgang 2025 und älter. Der Winzer bekommt dafür 43 Cent je Liter, dazu kommen 16 Cent für Logistik und Brennkosten. Bereit stehen 14,16 Millionen Euro, das reicht für rund 24 Millionen Liter.

Aus dem Alkohol darf Desinfektionsmittel werden oder Energie. Lebensmittel ausdrücklich nicht.

Gebrannt wird nicht einfach so. Jeder Betrieb stellt einen Antrag, jeder Antrag wird einzeln bewilligt, und losgehen soll das Ganze im vierten Quartal. Bis dahin steht der Wein da, wo er steht.

Der Grund dafür ist keine Laune. Der Absatz sinkt seit Jahren, die Keller sind voll, und ein Fass, das steht, bringt nichts ein und kostet trotzdem. Wer aus dem Markt nimmt, was niemand kauft, hält den Preis für alle anderen oben. Das ist nicht schön, aber es ist gerechnet.

Gerechnet wird auch am anderen Ende. Der Weinbauverband fordert einen Pflanzstopp: Von 2027 bis 2029 soll bis auf wenige Ausnahmen keine neue Rebfläche dazukommen.

Damit steht der deutsche Wein auf einer Leiter, auf der jede Stufe für sich vernünftig ist:

  • Reben pflanzen: soll drei Jahre lang nicht mehr gehen
  • Trauben lesen: hervorragender Jahrgang
  • Wein verkaufen: schwierig
  • Wein wegbrennen: 43 Cent je Liter

„Ein hervorragender Jahrgang ist eine gute Nachricht“, sagt der Referent für Erntemeldungen. „Er wird deshalb getrennt von der Absatzlage geführt.“

Zwei Meldungen, ein Keller

Die Qualität wird im August verkündet, die Menge im vierten Quartal beantragt. Es geht um dieselben Trauben, nur um verschiedene Formulare. Das eine kommt in die Zeitung, das andere in die Bilanz.

Der Verband fordert außerdem weniger Bürokratie, eine Anpassung beim Mindestlohn und keine höhere Sekt- und Erbschaftsteuer. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil will die Schaumweinsteuer ab 2027 anheben. Der agrar- und ernährungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Johannes Steiniger, sagt dazu: „Eine Erhöhung gerade in der aktuell sehr angespannten Lage der Weinwirtschaft wäre ein völlig falsches Signal.“

Das Signal ist im Sortiment. Wer weniger anpflanzt, bekommt Zustimmung. Wer wegbrennt, bekommt Geld. Wer verkauft, bekommt eine Steuererhöhung.

Gefördert wird damit gerade beides: dass weniger Wein entsteht und dass vorhandener verschwindet. Nicht gefördert wird, dass ihn jemand trinkt.

Marion H. hat den Rotwein von 2025 noch im Keller. Brennen lassen will sie ihn nicht.

Sie sagt, sie warte lieber ab. Der Jahrgang, der jetzt kommt, wird ja hervorragend.

Marion H. ist eine erfundene Figur. Alle genannten Zitate, Zahlen und Angaben sind belegt und in den Quellen nachzulesen.

Quellen

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